Liebe DUWO-Mitglieder,
wir haben eine große Chance in Hamburg: Olympische und Paralympische Spiele. Diese Chance sollten wir nutzen. Auch wenn ich schon lange meine Heimat in anderen Vereinen habe (Sasel, Bramfeld), so bin ich dem TSV DUWO 08 immer noch verbunden – denn „groß“ geworden als Basketballer bin ich in den 90ern und 2000ern in der kleinen aber feinen Basketballabteilung genau hier. Also lange vor Hamburgs erstem Referendum für die Spiele, die dann „leider“ 2024 in Paris stattgefunden haben und ein Vorbild für Hamburg sein sollten.
Die Bedenken aus 2015, als eine knappe Mehrheit gegen Olympia gestimmt hat, sollte man ernst nehmen – aber man sollte ebenso zur Kenntnis nehmen, dass sich die Rahmenbedingungen für Olympische Spiele inzwischen deutlich verändert haben.
Ein zentraler Vorwurf betrifft die Kosten und angeblich unkalkulierbare Risiken. Doch genau hier hat ein Umdenken stattgefunden: Neue Olympiakonzepte setzen bewusst auf vorhandene Infrastruktur, temporäre Bauten und eine langfristige Nutzung. Die Zeiten gigantischer „Prestige-Arenen“, die nach den Spielen leer stehen, sollen gerade vermieden werden. Hamburg verfolgt explizit diesen Ansatz – mit dem Ziel, Investitionen so zu tätigen, dass sie der Stadt auch Jahrzehnte später noch zugutekommen. Die U5 ist gerade ohnehin im Bau. Die Science City Bahrenfeld wird auch ohne Olympia gebaut, würde aber als Olympisches Dorf dienen. Das Volksparkstadion muss ohnehin saniert oder neu gebaut werden. Das alles passiert in Hamburg sowieso – aber mit Olympia geht es schneller, weil Geld von außen in die Stadt kommt. Hinzu kommt das Prinzip der „Spiele der kurzen Wege“: Die Wettkampfstätten sollen räumlich konzentriert und optimal in die bestehende Stadtstruktur eingebunden werden. Das reduziert Verkehrsbelastung, stärkt die Umweltverträglichkeit und macht die Spiele auch für Besucherinnen und Besucher besonders attraktiv. Für Langehorn findet eine Disziplin sogar direkt vor der Haustür statt: Der Mountainbikewettbewerb auf dem Müllberg in Hummelsbüttel – eine viel bessere Idee als in den Harburger Bergen, das finden auch die Umweltverbände.
Die Kritik am Internationalen Olympischen Komitee (IOC) und seiner Rolle ist auch nicht neu. Allerdings wurden die Vergabeverfahren und Anforderungen in den letzten Jahren reformiert. Gastgeberstädte erhalten heute deutlich mehr Flexibilität bei der Gestaltung der Spiele. Das bedeutet: weniger starre Vorgaben, mehr Anpassung an lokale Bedürfnisse und damit auch mehr Kontrolle vor Ort. Wir wollen, dass die Spiele sich an die Stadt anpassen und nicht die Stadt an die Spiele.
Das finanzielle Risiko für die Stadt ist ein weiterer häufig genannter Punkt. Allerdings sind die Spiele schon jetzt komplett refinanziert. Die weiteren Verträge und Finanzierungsmodelle werden außerdem nicht im Blindflug getroffen, sondern transparent und unter Beteiligung der Öffentlichkeit. Paris hat es vorgemacht: Die Stadt hat jetzt einen sauberen Fluss, in dem man baden kann und ist sogar mit 76 Mio Euro Gewinn aus den Spielen gegangen. Und die ganze Welt hat gesehen, dass eine Eröffnungsfeier im öffentlichen Raum stattfinden kann und einfach grandios ist – das wollen wir auf der Binnenalster genau so machen.
Häufig wird auch argumentiert, Olympische Spiele hätten kaum wirtschaftlichen Nutzen. Kurzfristige Effekte mögen begrenzt sein – entscheidend ist jedoch die langfristige Perspektive: Infrastruktur, internationale Sichtbarkeit, Investitionen und Impulse für Stadtentwicklung entfalten ihre Wirkung über viele Jahre. Zudem geht es nicht allein um Wachstum in Prozentpunkten, sondern um die strategische Positionierung Hamburgs als lebenswerte, moderne und aktive Stadt.
Ein besonders wichtiger Punkt ist die soziale Frage: steigende Mieten oder mangelnde Zugänglichkeit. Auch hier gilt: Diese Risiken entstehen nicht automatisch durch Olympia, sondern hängen von politischer Gestaltung ab. Wenn Wohnungsbau, Verkehrsplanung und soziale Infrastruktur gezielt mitgedacht werden, kann eine Bewerbung sogar dazu beitragen, bestehende Probleme entschlossener anzugehen. Hamburg hat damit die Chance, die barriereärmste Stadt Deutschlands zu werden. Und was die Ticketpreise betrifft: Große Sportereignisse waren schon immer ein Mix aus frei zugänglichen Angeboten, Fan-Zonen und kostenpflichtigen Veranstaltungen. Olympia ist nicht nur das Stadionerlebnis. Olympia verbindet Menschen über Länder, Kulturen und Unterschiede hinweg. Genau wie unsere Hamburger Stadtgesellschaft oder die Gemeinschaft in der Fritz-Schumacher-Siedlung.
Schließlich wird die Frage gestellt, ob das Geld nicht besser in den Breitensport investiert werden sollte. Genau hier liegt jedoch eine große Chance: Eine Olympiabewerbung kann zusätzliche Mittel, Aufmerksamkeit und politische Priorität für den Sport insgesamt schaffen – von neuen Anlagen über Schulsport bis hin zu inklusiven Bewegungsangeboten für alle Altersgruppen. Olympia ist also der Booster für Investitionen, weil wir mehr als nur die Mittel aus dem Hamburger Haushalt bekommen.
Ja, 2015 haben sich die Hamburgerinnen und Hamburger gegen eine Bewerbung entschieden. Aber eine neue Abstimmung ist keine Missachtung dieses Votums, sondern Ausdruck demokratischer Entwicklung. Städte verändern sich, Konzepte entwickeln sich weiter – und Meinungen dürfen sich ebenfalls ändern.
Statt die Bewerbung vorschnell als Wiederholung alter Fehler abzutun, sollten wir die heutigen Konzepte kritisch, aber offen prüfen. Hamburg hat die Chance zu zeigen, dass Olympische Spiele auch anders gehen: nachhaltiger, transparenter und inklusiver – und damit näher an den Menschen.
Euer ehemaliger DUWO-Mitstreiter
Dr. Philipp Semerak (Vizepräsident Hamburger Sportbund)
